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Verletzlichkeit

Foto: Ines Männl
Foto: Ines Männl

Vor ein paar Tagen kam ich erneut in Kontakt mit einem meiner verletzlichsten Anteile. Immer, wenn ich Angst bekomme, ich könnte die wichtigsten Menschen im meinem Leben verlieren, gerät meine Welt ein wenig aus den Fugen.

 

Den Konflikt in mir zwischen stark sein wollen, den Schmerz nicht spüren wollen und einfach zuzulassen empfinde ich als sehr belastend. So als schwimmt man auf offener See gegen die Strömung, kein Rettungsboot in Sicht. An solchen Tagen brauche ich meine ganze Energie um das innerlich zu regulieren und trotzdem alles andere auch auf die Reihe zu kriegen. Im Grunde unterdrücke ich dann meine Gefühle mit aller Macht und das kostet Kraft.

 

Als ich abends mit meinem Partner am Küchentisch über alles redete was in mir vorging, ermutigte er mich liebevoll über meine Gefühle zu sprechen, über die Gefühle, die am schwersten für mich auszuhalten waren. Ich war kurz irritiert, weil ich der Meinung war bereits alles ausreichend zu erklären.

Er zeigte mir was er meinte, begann sich zu öffnen und schilderte was es mit ihm macht, wenn ich in diesem Modus bin, in dem man nicht mehr an mich herankommt. Ich war tief berührt. Er öffnete sich mir vollkommen und zeigte sich mir von seiner verletzlichsten Seite. Pure Authentizität und Stärke.

 

Nun war ich an der Reihe. Ich nahm innerlich einen leichten Druck war etwas tun zu müssen, das mir schwer fällt. Mich ganz und gar zu zeigen. Ich begann zu erzählen, wurde aber direkt unterbrochen, weil ich wohl immer noch nicht ganz verstand. Ich musste nichts bestimmtes sein, ich durfte so sein wie ich bin. Nicht mehr und nicht weniger wünschte sich mein wunderbares Gegenüber von mir und appellierte an mich, ich solle erzählen wie es mir wirklich geht, keine sauber formulierte Analyse, sondern wie. es. mir. geht.

Ok. Nicht mehr verstecken. Ich fuhr mit dem Aufzug also eine Etage tiefer in mein Herz und bemühte mich erneut. Eine Welle des Unbehagens erfasste mich, aber ich ließ mich davon nicht einschüchtern und konzentrierte mich darauf, was mein Herz zu sagen hatte. Mir war klar, dass das der Moment war. Auf einmal machte sich ein dicker Kloß im Hals bemerkbar. Mir wurde fast etwas schwindlig. Ich erlaubte mir die Schleusen zu öffnen und es flossen Tränen während die Worte endlich über meine Lippen kamen. Je mehr ich meine Verletzlichkeit annahm, desto wohler fühlter ich mich damit. Ein Rettungsboot war gar nicht mehr notwendig, ich ließ mich einfach davontragen.

Interessanterweise kann ich mich nicht mehr erinnern, was ich genau sagte, aber ich kann mich sehr gut daran  erinnern, in welcher Atmosphäre ich mich auf einmal befand, welch heilsame Energie uns umgab.

 

Es entstand eine ganz besondere Intimität, die ich so selten erlebe, weil ich mich meistens hinter meinen dicken Schutzmauern aufhalte. Der Augenblick war in diesem Moment so kostbar, dass ich Angst bekam ihn zu verlieren. So ähnlich muss das Gefühl sein, wenn man ein Neugeborenes auf dem Arm hält. Man hält es sanft, staunt über das Wunder, das einem zuteil wurde und hat gleichzeitig Angst es zu verletzen, weil es so zart und zerbrechlich ist.

 

In diesem Moment bestätigte sich für mich was Brené Brown in ihrer Forschungsarbeit herausfand. Erst durch die Verletzlichkeit können wir uns wahrhaft verbunden fühlen.

Mein Partner und ich kennen uns seit 7 Jahren. Wir haben in der ganzen Zeit viel miteinander erlebt was uns zusammengeschweißt hat und an solchen Erfahrungen erkenne ich, dass man gemeinsam immer noch mehr wachsen und andere Ebenen tiefer Verbundenheit erreichen kann, wenn man sich traut verletzlich zu sein.

 

Der Ozean der Verletzlichkeit hatte mich nach unserem Gespräch sanft an den Strand gespült. Meine Arme und Beine fühlten sich schwer an, die Augen brannten etwas vom Salzwasser und ich hatte großen Durst. Erschöpft, aber zufrieden blickte ich gedanklich noch einmal hinaus aufs Meer. So schlimm war es gar nicht. Nächstes Mal nehme ich mein Surfbrett mit.

 

Wann bist du verletzlich und wie gehst du damit um?

 

Danke, dass es dich gibt. Du bist ein Geschenk.

 

Love yourself,

Jennifer

 

Wenn du dich mehr mit dem Thema befassen möchtest, hier findest du den TED-Talk von Brené Brown.

 

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