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Mein Trauerweg - 2 Jahre später / Teil 1

2 Jahre nach dem schwersten Verlust meines Lebens. Das klingt vielleicht dramatisch, aber als meine Oma vor zwei Jahren nach 8 Wochen Sterbebegleitung in meinen Armen verstarb ist der wichtigste Mensch in meinem Leben an einen Ort gegangen an den ich noch nicht folgen konnte. Das zu verkraften war seither meine größte Aufgabe. Heute weiß ich, das war bis dato der schwerste Verlust meines Lebens.

 

Meine Oma und ich hatten eine ganz besondere Beziehung. Sie kümmerte sich nach der Scheidung meiner Eltern um mich. Sie zog mich auf wie ihr eigenes Kind. 

Welche Bedeutung sie in meinem Leben hatte wurde mir in der ganzen Tiefe erst so richtig bewusst, nachdem sie gestorben war, denn ihr Tod hinterließ eine unsagbare Leere. Nicht sofort, denn sie war die ersten Tage und Wochen für mich so allumfassend spürbar und in anderer Form präsent, aber nach ein paar Monaten tat sich dieses schwarze Loch auf.

 

Ich werde in einer Woche 35 Jahre alt, vor Kurzem hat das neue Jahr begonnen und der Todestag meiner Oma hat sich letzte Woche zum zweiten Mal gejährt. Heute vor zwei Jahren wurde sie beerdigt.

All diese Daten führen mühelos dazu, dass ich heute die letzten zwei Jahre meines Lebens Revue passieren lasse.

 

Das erste Trauerjahr oder auch "Wieder laufen lernen"

 

Für uns alle hat sich das Leben vor ungefähr zwei Jahren von jetzt auf gleich verändert. In meinem Fall lag das nicht nur an der Pandemie, sondern vor allem an meiner ganz persönlichen Ausnahmesituation. Ich war in Trauer und vor mir lag das erste Trauerjahr, von dem man sagt, dass es das schwerste sein soll. Ich war nicht zum ersten Mal in der Rolle einer Hinterbliebenen und so war ich darauf gefasst was auf Menschen in dieser Situation auf einen zukommt. Dachte ich. Was mich jedoch erwartete übertraf alle anderen Trauererfahrungen in meinem Leben. Wenn ich alle schweren Verlusterfahrungen, die ich erlebt hatte, zusammennehmen würde, könnte das möglicherweise den Schmerz widerspiegeln, den ich durch den Verlust meiner Oma erlebte. 

 

In meinem Fall tat es daher gut, dass sich die Welt durch die Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus etwas langsamer zu drehen schien, denn nach einem schweren Verlust, ist es schmerzhaft zu beobachten wie schnell sich die Welt einfach weiterdreht. Vielleicht kennst du das auch?

 

Durch das "Runterfahren" bekam ich wertvolle Zeit geschenkt mich zu sammeln und langsam wieder auf die Füße zu kommen, denn ich war am Boden zerstört. Und das ist eben Trauer um einen lieben Menschen der eine besondere Bedeutung im eigenen Leben hatte. Es spielt keine Rolle, dass dieser Mensch schon über 90 war und sein Leben gelebt hat und es eben an der Zeit war. Der Schmerz lässt sich durch diese Gedanken nach meiner Erfahrung leider nicht lindern. Im Gegenteil. Es gab einige Menschen, die es gut meinten und mich damit irgendwie trösten wollten, aber es führte nur dazu mich in meinem Schmerz nicht gesehen zu fühlen. Dabei ist es so heilsam und wichtig in seinem Schmerz auch gesehen und gewürdigt zu werden. 

 

Der Weg der Trauer hält viele Hürden, Stolpersteine und Herausforderungen bereit. Unsensible Mitmenschen, Druck von außen durch Behörden, Ämter etc., familiäre Verstrickungen, unverarbeitete Traumata, die wieder an die Oberfläche gespült werden, inneres Chaos uvm.

Während man mit vielen neuen Situationen konfrontiert wird, die unter anderen Umständen schon anstrengend wären, ist es eine unglaubliche Leistung als trauernder Mensch mit all diesen Dingen, die auf den Tod eines Menschen folgen, fertig zu werden.

Ich fühlte mich so als müsste ich straight von der Intensivstation sofort den Mount Everest besteigen.

 

Für manche Menschen wirkt es vielleicht schwach so unter dem Verlust zu leiden, dabei zeigt mir das heute wie sehr ich in der Lage war zu lieben. Gleichzeitig bedeutet es bitte nicht, dass Menschen weniger Liebe für jemanden empfunden haben, wenn die Trauer nicht so schwer wiegt. 

 

Das erste Trauerjahr war sehr geprägt davon mir einzugestehen, dass ich erst wieder laufen lernen muss, bevor es auf den Mount Everest geht. Ich erlaubte mir kleine Schritte und gab mir so viel Zeit wie möglich.

 

Es ging etwas bergauf

 

Nach 6 Monaten war es mir möglich ohne Krücken zu laufen und ich begann meine Ausbildung zum Spiritual Life Coach bei Alexandra Bauer, während ich mit der schweren Aufgabe der Nachlassabwicklung beschäftigt war. Pandemiebedingt und aus anderen Gründen ging es sehr zäh und mühsam voran. So war auch genug Raum da um mich weiterzubilden.

Dank Rona ging das alles ja plötzlich ganz easy von zuhause aus über Videocall. Live Präsenztermine hätte ich in der Phase noch nicht geschafft. 

 

Ich fand in der Zeit auch zu den Pferden und schenkte mir Reittherapiestunden. Auch wenn ich nicht jedes Mal auf dem Rücken eines Pferdes saß, weil es mir darum gar nicht ging, trugen mich diese wundervollen Wesen ein gutes Stück des Trauerweges. 

 

Ein wichtiger Aspekt auf diesem Weg bestand im Erinnern. Erinnern wer ich bin. Ohne meine Oma. Dabei fiel mir z.B. wieder ein wie sehr ich die Tiere und vor allem auch Pferde als Kind liebte. Es gab sogar eine Zeit, da standen bei meinen Großeltern am Haus zwei Pferde. Das Shetlandpony Susi, hatte es mir besonders angetan. Sie trug mich ab und an durch die Nachbarschaft, aber am meisten genoss ich es nur bei ihr zu stehen und einfach mit ihr zu sein.

 

Im ersten Trauerjahr ging ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Pferd im Wald spazieren und es war einer der glücklichsten Momente in meinem Leben. Ich weiß nicht wie sie es gemacht haben, aber die Zeit mit den Pferden gab mir so viel Lebensmut zurück. Jede Sekunde am Stall schöpfte ich Kraft für die schweren Aufgaben, die mir der Tod meiner Oma stellte.

 

Die Jahreszeiten der Trauer

Das erste Trauerjahr zog in einer hohen Geschwindigkeit an mir vorrüber und ab Oktober beschlich mich langsam wieder eine Schwere, der ich mich voll und ganz annehmen wollte. Ich wusste aufgrund der Verlusterfahrung mit dem Suizid meines besten Freundes, was der erste Todestag auslösen kann und las auch viel darüber, sodass ich diese innere Jahreszeit gut einordnen konnte. So wie die Tage im Außen immer kürzer wurden, so zog ich mich auch weiter zurück. Zum ersten Mal jährte sich der Tag an dem meine Oma und ich die Diagnose "Bauchspeicheldrüsenkrebs" erhielten. Ich weiß noch wie ich Mühe hatte zu glauben, dass es wirklich Krebs war. Ein Teil von mir dachte immer, dass es vielleicht ein gutartiger Tumor ist mit dem sie noch länger leben könnte. Es jährten sich daraufhin so viele Daten, die ich nie mehr vergessen werde wie der Umzug auf die Palliativstation, der Tag an dem meine Oma mir sagte, dass wir uns im Orion wieder treffen, der Umzug ins Hospiz und so viele kleine Momente dazwischen. Das erste Weihnachten ohne meine Oma nahte und ich empfand viel Trauer in dieser Zeit, die durch mich durchfließen durfte. Ich hatte großen Respekt vor dem ersten Todestag und ließ mich daher von Vanessa Rippegarten begleiten. Das war wunderbar und half mir durch die dunklere Jahreszeit.

 

Ich fand Klarheit darüber wie ich den ersten Todestag gestalten möchte und was mir gut tut. Nicht lange vor ihrem ersten Todestag konnte ich den Grabstein setzen lassen und so konnte ich anlässlich des ersten Todestages das Grab mit Pflanzen schmücken. Ich hatte für ihr Grab auch einen herzförmigen Stein besorgt, den ich mit Bonhoeffer´s "Von guten Mächten" beschriftet und mit einem Goldstift verziert hatte. 

Auf diese Weise konnte meine Liebe und mein Schmerz über ihren Verlust einen heilsamen Raum bekommen.

 

Weiter geht es in Teil 2...

 

 

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